Ein Apotheker kann ein Medikationsproblem innerhalb weniger Minuten erkennen. Die Lösung kann jedoch deutlich länger dauern.
Eine angemessene Reaktion kann die Überprüfung von Unterlagen, ein Gespräch mit dem Patienten, die Dokumentation der Intervention, die Kontaktaufnahme mit einem anderen Gesundheitsfachberuf oder die Organisation einer Nachsorge erfordern. Diese Aufgaben kommen zu den Abgabe- und organisatorischen Tätigkeiten hinzu, die den ganzen Tag über anfallen.
Deshalb ist Apothekermangel nicht nur eine Frage der Anzahl der verfügbaren Apotheker. Eine knappe personelle Ausstattung und eine steigende Arbeitsbelastung in der Apotheke können auch zu einem Mangel an geschützter klinischer Arbeitszeit führen.
MDForLives befragte Apotheker in den USA, im Vereinigten Königreich, in Kanada, Italien, Frankreich und Deutschland. Die detaillierten Ergebnisse sind im MDForLives Pharmacist Patient Care Insight Report verfügbar. Die Umfrage gibt Einblick in die beruflichen Erfahrungen der Apotheker bei der direkten Patientenversorgung sowie in die damit verbundenen Arbeitsbedingungen.
Die klinische Rolle wächst schneller als der Arbeitstag
In der MDForLives-Umfrage gaben 45,7 % an, dass ihre Rolle in der direkten Patientenversorgung in den vergangenen drei Jahren deutlich ausgeweitet worden sei, während 38,0 % von einer moderaten Ausweitung berichteten.
Die wesentliche Veränderung betrifft nicht nur die Anzahl der Dienstleistungen, die Apotheker anbieten. Medikationsüberprüfungen, Beratung zur Therapietreue, Impfungen, Screenings und die Unterstützung bei chronischen Erkrankungen können eine Beurteilung, ein Gespräch, Dokumentation und Nachsorge erfordern.
Wenn diese Verantwortlichkeiten ausgeweitet werden, ohne dass die damit verbundenen Arbeitsabläufe angepasst werden, kann eine größere klinische Verantwortung schlicht zu mehr konkurrierenden Aufgaben führen. Eine Erweiterung der Rolle verändert daher nicht nur, was Apotheker tun dürfen oder sollen, sondern auch, wie die verfügbare Zeit gestaltet werden muss.
Apothekermangel wird zum Zeitproblem, wenn die Kapazität ausgeschöpft ist
Wenn Organisationen über die personelle Ausstattung mit Apothekern sprechen, lautet die erste Frage häufig, wie viele Apotheker verfügbar sind. Die Anzahl der Mitarbeiter allein zeigt jedoch nicht, wie viel klinische Kapazität tatsächlich vorhanden ist.
Bei gleicher personeller Ausstattung kann je nach Rezeptaufkommen, Komplexität der Patienten, administrativem Aufwand und Unterstützung durch das gesamte Apothekenteam unterschiedlich viel Raum für die Patientenversorgung vorhanden sein.
In der Umfrage nannten 78,6 % Arbeitsbelastung, Personalausstattung oder begrenzte Beratungszeit als einen wesentlichen Faktor, der eine größere klinische Verantwortung einschränkt.
Die zentrale Aussage lautet, dass Kompetenz vorhanden sein kann, ohne dass ausreichende Kapazität besteht. Ein Apotheker kann ein Medikationsproblem erkennen und wissen, was als Nächstes geschehen muss, aber dennoch nicht über genügend ununterbrochene Zeit verfügen, um es angemessen zu beurteilen und die weitere Versorgung sicherzustellen.
Die entscheidende Frage für die Personalplanung lautet daher: Wie viel tatsächlich nutzbare klinische Zeit schafft das jeweilige Personalkonzept?
Klinische Versorgung braucht geschützte Zeit, keine freie Zeit

In der Umfrage gaben 34,4 % der Apotheker an, dass mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit auf direkte klinische oder patientenbezogene Tätigkeiten außerhalb der Arzneimittelabgabe entfiel. Andere erbrachten klinische Leistungen nur während deutlich kleinerer Teile ihres Arbeitstags.
Diese Unterschiede sind relevant. Eine gelegentliche Beratung im Zusammenhang mit der Arzneimittelabgabe erfordert einen anderen Arbeitsablauf als geplante Medikationsüberprüfungen, die Unterstützung bei chronischen Erkrankungen oder wiederholte Nachsorge. Die Arbeitsbelastung von Apothekern wird damit zu einer Frage der Arbeitsgestaltung. Wenn eine Leistung regelmäßig erbracht werden soll, kann sie nicht davon abhängen, ob die Abgabeschlange an diesem Tag zufällig kürzer ist.
Klinische Zeit zu schützen bedeutet, festzulegen, welche anderen Aufgaben delegiert, automatisiert, umverteilt oder anders eingeplant werden können. Ohne diese Entscheidung konkurriert die Patientenversorgung weiterhin mit den operativen Aufgaben.
Unvollständige Informationen können die verfügbare Zeit aufbrauchen
Nur 27,8 % der befragten Apotheker gaben an, vollständigen Zugang zu den klinischen Informationen zu haben, die sie für eine wirksame Patientenversorgung benötigen.
Ein Apotheker kann ein potenzielles Medikationsproblem erkennen, muss jedoch möglicherweise zunächst eine Diagnose, einen Laborwert, eine Allergie oder eine kürzlich erfolgte Therapieänderung bestätigen, bevor er handelt. Dies kann zusätzliche Telefonate, wiederholte Anamnesen oder eine vorsichtigere Empfehlung erforderlich machen. Dadurch entsteht eine zweite Zeitbarriere.
Fortschritte bei KI in der Apotheke können dazu beitragen, informationsbezogene Aufgaben zu optimieren und Arbeitsabläufe in der Apotheke zu unterstützen, sodass Apotheker mehr Zeit auf die Patientenversorgung verwenden können.
Ein besserer Informationszugang ersetzt nicht das professionelle Urteilsvermögen. Er ermöglicht es, die begrenzte klinische Zeit für die eigentliche Entscheidung zu nutzen, anstatt für die Suche nach den Informationen, die für diese Entscheidung benötigt werden.
Klinische Entscheidungen brauchen weiterhin einen klaren Weg zum Handeln
Ausreichend Zeit und Informationen garantieren noch nicht, dass der Apotheker ein Problem direkt lösen kann.
Die Umfrage ergab, dass der klinische Schweregrad und die unmittelbaren Bedürfnisse des Patienten den stärksten Einfluss darauf hatten, ob Apotheker direkt intervenierten oder eine Überweisung veranlassten. Der Tätigkeitsumfang, der Informationszugang, die klinische Unterstützung, die verfügbare Zeit und die Überweisungswege beeinflussen ebenfalls, wie es anschließend weitergeht.
Das Erkennen eines Problems ist daher nur der erste Schritt. Der Apotheker benötigt außerdem Klarheit darüber, was direkt behandelt werden kann, was eine Zusammenarbeit erfordert, wann eine Überweisung angemessen ist und wie die Verantwortung sicher an den nächsten Gesundheitsfachberuf übergeht.
Telemedizin in der Apotheke kann dazu beitragen, den Zugang zu von Apothekern geleiteten Beratungen zu erweitern und Patienten mit geeigneten Gesundheitsfachkräften zu verbinden, wenn eine persönliche Versorgung schwer zugänglich ist.*
Eine größere klinische Rolle erfordert eine Neugestaltung der Arbeitsbelastung, nicht nur eine Erweiterung der Rolle
Die abschließende Richtung der Umfrage führt diese Belastungen zusammen. 68,0 % nannten geschützte Beratungszeit, eine angemessene Personalausstattung und eine Verringerung des administrativen Aufwands als Veränderungen, die die direkte Patientenversorgung stärken würden. Der gleiche Anteil nannte einen erweiterten Tätigkeitsumfang und eine Vergütung klinischer Leistungen.
Geschützte Zeit ohne entsprechende Befugnisse kann dazu führen, dass vorhandene Fachkompetenz ungenutzt bleibt. Ein erweiterter Tätigkeitsumfang ohne ausreichende Personalausstattung kann zusätzliche Verantwortung zu einer bereits vollen Arbeitsbelastung hinzufügen. Bessere Informationen ohne Wege zur Zusammenarbeit können weiterhin dazu führen, dass Empfehlungen nicht mit dem übrigen Behandlungsteam verbunden sind.
Für Verantwortliche in Apotheken und andere Gesundheitsfachberufe erfordert eine nachhaltige Erweiterung der Rolle daher ein Arbeitsmodell, in dem Personalausstattung, geschützte Zeit, Informationszugang, Tätigkeitsumfang, Vergütung und Zusammenarbeit einander unterstützen.
Die Zukunft der Pharmazie wird davon abhängen, digitale Innovation, erweiterte klinische Leistungen und personelle Kapazitäten miteinander in Einklang zu bringen, um eine nachhaltige, patientenzentrierte Versorgung zu unterstützen.
Schlussbetrachtung: Die fehlende Ressource könnte nutzbare klinische Zeit sein
Die Ergebnisse von MDForLives zeigen, dass Apotheker weit über die Arzneimittelversorgung hinaus zur Patientenversorgung beitragen und dabei mit Einschränkungen durch Arbeitsbelastung, Personalausstattung und Beratungszeit arbeiten.
Apothekermangel kann daher in mehr als einer Form auftreten. Er kann sich in einer unbesetzten Stelle zeigen, aber auch in einer unzureichenden klinischen Kapazität innerhalb eines vollständig ausgelasteten Arbeitsablaufs.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn zusätzliche Verantwortung schafft nicht automatisch die Zeit, die für ihre Umsetzung erforderlich ist.
Die wichtigere Frage lautet, welche klinischen Tätigkeiten die Apotheke erwartet, wie viel Zeit diese Tätigkeiten benötigen, wer die verbleibende Arbeitsbelastung unterstützt, auf welche Informationen Apotheker zugreifen können, welche Entscheidungen sie treffen dürfen und wie das gesamte Behandlungsteam miteinander verbunden bleibt.
Wenn diese Elemente gemeinsam gestaltet werden, kann die Rolle des Apothekers in der Patientenversorgung wachsen, ohne auf freie Zeit angewiesen zu sein.
Häufig gestellte Fragen
Wie kann sich ein Apothekermangel auf die Patientenversorgung auswirken?
Ein Apothekermangel oder ein knapp bemessenes Personalkonzept kann die für Medikationsüberprüfungen, Beratung, Nachsorge und andere patientenbezogene Tätigkeiten verfügbare Zeit verringern, wenn die Anforderungen der Arzneimittelabgabe und der operativen Aufgaben weiterhin hoch sind.
Wie beeinflusst die Personalausstattung in Apotheken die klinischen pharmazeutischen Leistungen?
Die Personalausstattung von Apotheken beeinflusst, wie viel geschützte Zeit für Beurteilung, Beratung, Dokumentation und Nachsorge vorgesehen werden kann. Das geeignete Modell hängt von Patientenaufkommen, Leistungsspektrum, Arbeitsabläufen und verfügbarer Unterstützung ab.
Wie kann die Arbeitsbelastung von Apothekern die Rolle des Apothekers in der Patientenversorgung einschränken?
Eine hohe Arbeitsbelastung von Apothekern kann es erschweren, ununterbrochene Beratungszeit zu schützen. Klinische Leistungen können dann mit der Arzneimittelabgabe, administrativen Aufgaben und anderen Verantwortlichkeiten konkurrieren.
Misst die MDForLives-Studie das Burnout von Apothekern?
Nein. Das Burnout von Apothekern wurde nicht als eigenständiger Endpunkt erfasst. Die Umfrage untersuchte Arbeitsbelastung, Personalausstattung, Beratungszeit, Informationszugang, Tätigkeitsumfang, Vergütung und Zusammenarbeit als Faktoren, die eine größere klinische Verantwortung beeinflussen.
Was könnte Apothekern helfen, eine größere klinische Rolle zu übernehmen?
Die Umfrage weist auf geschützte Beratungszeit, eine angemessene Personalausstattung, eine geringere administrative Belastung, einen erweiterten Tätigkeitsumfang und eine Vergütung, einen besseren Zugang zu Patienteninformationen sowie eine stärkere klinische Schulung und Zusammenarbeit hin.


